Montag, 20. Juli 2009
Spring Scream
Freitag

Spring Scream!!! Den meisten Taiwanesen fällt bei diesem Wort wohl übermäßger Alkohol- und Drogenkonsum, sowie das 'eingechinesischte' Wort "Bikini Girls" ein. Das es sich hierbei eigentlich um den einzig spürbaren Einfluss westlicher Festivalkultur auf der fernen "Iljha Formosa" handelt, ist wohl eher wenigen bewußt. Das liegt auch daran, dass sich um das Festival herum in den letzten Jahren allerlei Pop-, Hiphop-, Electro-, Beach- und sogar Reggeapartys entwickelt haben, die sich wohl am ehesten mit den allseits beliebten "Partyzelten" (:D) auf Festivals vergleichen lassen, jedoch eigenständige Events darstellen. Zudem gibt es mittlerweile sogar ein weiteres Festival zur gleichen Zeit, "Spring Wave", dass eher taiwanesischen Mainstream Pop als Ausgefallenes und Ausländisches (=Spring Scream) zu bieten hat. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass das ganze irgendwie zusammen organisiert wird.
Naja lange Rede kurzer Sinn, jedenfalls konnten wir (einige, bzw. sogut wie die meisten Volunteers von ICYE) uns sowas natürlich nicht entgehen lassen, von wegen interkulturellem lernen und so, man kennt ja seine Pflichten... ;) Zur Erklärung: Das Festival fand an der Südspitze der Insel, nahe dem als Bade- und Surfparadies bekannten Ort "Kenting", statt. Genau genommen am südlichsten Punkt der Insel, in der Dühnenlandschaft eines kleinen Ortes am "Kap von Taiwan" :D. Das Gelände war der Hammer, es gab einen alten Leuchtturm (von den Japanern gebaut oder so...) viele Bäume, eine schöne Campingarea und alles, was man sich sonst so wünscht...
Für mich war das Problem allerdings erstmal: Wie komme ich da hin? Ürsprünglich wollten wir mit mehreren Leuten per Motorrad ("We are the Mods, we are the Mods, we are, we are..." - wers versteht kriegt n Keks ;)) die Küste runter fahren, allerdings sprangen nach und nach immer mehr Leute ab, bis ich schließlich allein da stand, zumindest was die Tour von Tainan bis Pingtung angeht, wo ich Max abholen sollte. Nach einigem hin und her habe ich mich dann am Donnerstag um zehn Uhr abends kurzerhand dazu entscheiden, wegen ein paar kleinerer Sachen zur Werkstatt zu fahren (taiwanesische Öffnungszeiten... werd ich vermissen!) und die Tour am nächsten Tag mit dem Bike anzutreten. Bischen verspätet ging es dann so gegen 13:00 hier in Tainan los, auf dem "Highway 17" Richtung Süden. Ich hatte eigentlich geplant, gegen 15:30 in einem kleinen Ort in der Nähe von Pingtung zu sein, um Max und Felix abzuholen und mit ihnen den Rest der Fahrt zurückzulegen.
Das hätte wohl auch alles ganz gut gepasst, wenn nicht mitten in Kaoshiung auf einma der Motor schlapp gemacht hätte, worauf ich eigentlich die ganze Zeit schon gewartet, jedoch still darauf gehofft hatte, dass der Typ von der Werkstatt das Problem gefunden und behoben hat. Naja, Immerhin ises nicht aufm Land irgendwo in der Pampa passiert, so hab ich nach einigem Fluchen und Schieben eine Werkstatt gefunden. Die Leute waren sehr freundlich, richtige Lokal-Taiwanesen, von denen diese kleinen Werkstätten meistens geführt werden und mit denen Kommunikation, trotz teils unverständlichem Chinesisch-Taiwanesisch-Gemisch eigentlich immer ganz gut klappt. Leider ließen die Mechaniker-Skills von dem Typen sehr zu wünschen übrig und anstatt das Problem zu lösen, hat er lediglich (offensichtlich aus versehen) die Zündkerze geschrottet und eine neue eingbaut. However, kurz danach bin ich wieder liegen geblieben, dieses Mal musste ich länger schieben und habe nur durch die Hilfe einer ortskundigen älteren Frau, die mich zufällig angesprochen hat, eine Werkstatt gefunden. Der Mechaniker hier hat das Problem immerhin als das erkannt was es ist, und nach viel Ratlosigkeit und einigen Probefahrten war die Sache dann (endlich!) erledigt (Ein Vakuum im Tank durch verstopftes Luftventil im Tankdeckel... ich habs echt drauf :D).
Nun, die Sache hat insgesammt gut zwei Stunden gekostet und die Sonne stand bereits tief am Himmel, als ich nach einigem Suchen endlich auf der richtigen Straße war, in Begleitung eines weiteren hilfsbereiten Menschen, den ich nach dem Weg gefragt hatte und der, wie der Zufall es wollte, gerade von der Arbeit kam und nach Hause Richtung Pingtung fuhr. Max und Felix waren mittlerweile auch schon unterwegs, da sich die Sache doch sehr hingezogen hat und es, wie gesagt, schon langsam spät wurde. Glücklich, das Problem mit dem Bike endlich gelöst zu haben und voller Erwartung eines fetten Festivalwochendes ging es dann mit Vollgas (naja nicht ganz, immerhin hatte es geregnet und war bereits dunkel) den Westküstenhighway nach Kenting runter, in der Hoffnung Max und Felix, die ja immerhin zu zweit aufm Moped saßen, noch zu erwischen. Irgendwan kam dann schon der Strand von Nanwan in Sicht, der mir noch vom Roundtrip gut in Erinnerung geblieben ist, und ich war sogut wie da, ohne eine Spur von Max und Felix. Später stellte sich raus, das deren Scooter ungefähr halber Strecke verreckt ist (überhitzt), wodruch sie den Rest wohl oder übel per Taxi(!) zurücklegen mussten. In Deutschland wär' das nicht so geil gewesen...
Als ich dann, endlich auf dem Festivalgelände angekommen, gerade mit zwei Engländern und nem Freak aus Australien n Bierchen gezecht hab, kamen auch endlich Max und Felix an, worauf wir zusammen die Zelte und alles organisiert haben, bis dann endlich Nico, sein Bruder Chris (die von der Ostküste kamen, wo sie zusammen mit ihren Eltern "Taroko National Park" bewundert haben) und Alejandro (der noch Arbeiten musste und mit dem Bus gefahren ist) ankamen, um sich in ein gemachtes Nest zu setzen. Dafür haben wir uns immerhin erstma einen Ausgeben lassen :D.
Von der Musik am ersten Abend haben wir nicht viel mitgekriegt, da das Ganze nur bis zwölf ging und wir erstmal anderen Kram zu erledigen hatten (krasses Organisationschaos!). Das was wir gesehen haben war allerdings auch nicht außerordentlich, was sich allerdings die folgenden Tage noch ändern sollte. Später saßen wir noch mit ein paar Leuten aufm Zeltplatz, wo es plötzlich immer voller wurde, und während einige versuschten mithilfe eines Lagerfeuers einen Miniaturfesselballon in die Luft zu kriegen, wurde überall sonst gezecht, geredet und auf allen erdenklichen Instrumenten gespielt. Fetter Abend!

Samstag

Der nächste Tag fing, dem Vorabend entsprechend, langsam an, und trotz viel Verpeiltheit und einer imaginären Motorradpanne (warte mal... hatten wir das nicht irgendwie schon?...) von Matthias, der am Morgen dann auch endlich ankam, schafften wir es so gegen vier Uhr zum Strand. Dort wurde hauptsächlich gechillt und mit n paar Taiwanesen Beachvolleyball gezockt, immerhin ging es ja schon bald aufm Festival weiter. Musikalisch hatte der Abend auf Jeden einiges zu bieten. Es ging los mit einer Punkrock/Hardcore-Band aus Seoul/Südkorea, gefolgt von dem "Top-Act", einer taiwanesischen Slokünstlerinn, die in meinen Augen jedoch gar nicht so "top" war.
However, danach ging der Spass zumindest musikalisch erst los. Da auf der Hauptbühne bereits wieder Schulz war und die Anderen sich bereits Richtung Zeltplatz aufgemacht haben, hab ich mit Max noch bei einer anderen, kleineren, Bühne vorbeigeschaut. Dort spielte gerade eine offenbar aus Westlern bestehende Reggae- und Skaband, deren Sänger einen gefakten Afro auf dem Kopf hatte und allgemein ziemlich fertig aussah. Die Mucke ging jedoch gut ab! Das ganze wurde anschließend noch getoppt von einer ebenfalls ausländischen Punkrockband, die allesammt Nonnenkostüme trugen und zwischen den Songs durch Segnungen und andere Ausdrucksformen christlicher Nächstenliebe zur allgemeinen Belustigung beitrugen. Mein persönliches Highlight, nicht nur musikalisch!

Sonntag

Der nächste Tag fing noch ranziger an als der vorige, aber auf Jeden humaner als z.B. aufm Hurricane, dank Gras und Bäumen statt Staub und Dreck. Dennoch bin ich vorerst nicht zum Essen mit nach Kenting gefahren, sondern hab mich ausserhalb des brüllend heißen Zeltes im Halbschatten noch ne Runde aufs Ohr gehaun. Irgendwie ist mir beim Tagträumen dann wieder eingefallen, dass mir jemand von einem der besten Surfbreaks in Taiwan erzählt hat, das grad mal ne knappe halbe Stunde vom Gelände die Ostküste rauf liegt. Also kurzerhand Chris angerufen, die schon vorher Interesse daran geäußert hatte, und nach einigen Spritproblemen (ist garnicht so einfach in Südtaiwan...) warn wir dann also schon auf dem Weg nach Jialeshui, dem besagten Ort. Der Surfshopbesitzer war ein echter Klischeesurfer (wobei vielleicht etwas mehr Klischee als Surfer :D), der uns erstmal für unsere Nationalität gefeiert hat, da er selbst Besitzer eines klassischen VW-Bulli ist (ich sag ja, Klischee und so...). So etwas sieht man in Taiwan selten! Unter anderem deswegen, und weil es schon relativ spät war, konnten wir die Boards dann ziemlich günstig ausleihen und kurz danach gings auch schon los. Die Wellen waren tatsächlich sehr nice, entsprechend war das Spot jedoch auch ziemlich voll, was es für mich als Beginner und Chris, der zum ersten mal mit nem Board aufm Wasser war, nicht unbedingt leichter gemacht hat. N paar gute Wellen haben wir trotzdem erwischt und letztendlich hat es sich allein schon wegen der wunderschönen Ostküstenlandschaft gelohnt.
Nachdem die Sonne, der Himmelsrichtung entsprechend, hinter den Bergen verschwunden ist, was darauf schließen lässt, dass das chinesische Wort für Sonnenuntergang ("Taiyangxiashan" - Sonne-unter-dem-Berg) wohl an der Ostküste entstanden ist (dass dieser Begriff in Mainland-China nicht verwendet wird, kann sich jeder der weiß was ne Landkarte ist auch denken ;)), fuhren wir gemütlich über die kleine Küstenstraße zurück zur Südspitze, wo das Festival bereits wieder in vollem Gange war.
Da die Anderen noch nicht aus Kenting zurückgekehrt sind haben wir erst einmal ordentlich was zu Futtern geholt und uns dabei von einer taiwanesischen Hiphop-Crew unterhalten lassen, die trotz für mich so gut wie unverständlicher Texte nicht schlecht und irgendwie richtig "Old-school" war. Auf jeden Fall war es Besser als alles andere, was mir je an taiwanesischem "Hip-Hop" unter die Ohren gekommen ist. Danach ging es weiter mit zwei Hardrock-Franzosen, die gut Party gemacht haben, auch wenn es schwierig ist mit nem französischen accent das Rockproleten-Klischee glaubhaft zu bedienen. Naja, die letzte Band hatte es jedenfalls auch noch einmal in sich. Dabei handelte es sich um eine Gruppe in Tierkostümen eingepackter Freaks, etwa 10 an der Zahl, die sich auf der Bühne mit Synthesizern und konventionellen Instrumenten vergnügten, obwohl die Anzahl der zur Verfügung stehenden Klangerzeuger ständig zuzunehmen schien.
Das Ergebnis war das wohl experimentellste, was ich je an psychedelischem Electro(oder Rock? oder Blues? oder...) gehört habe, und lies Pink Floyd und Karlheinz Stockhausen darstehen wie bayerische Volksmusikanten. Getoppt wurde das Ganze nur noch, als zunehmend freiwillige "Hilfmusiker" auf die Bühne geholt wurden und als Highlight einer offensichtlich improvisierten Improvisationssession ein von Rülps-Beatbox und Synthesizer-geknatter begleitetes Blues-Solo erklang...
Alles hat seine Schattenseiten und während dieser musikalisch-intellektuelle Tanz auf dem schmalen Grat zwichen Genie und Wahnsinn noch in vollem Gange war, wurde ich von einem meiner Workmates angerufen umd zu erfahren, dass sich Bear (mein bis dato bester Kumpel unter den anderen Zivis) mitm Roller abgepackt hat und wir ausserdem wider Erwarten am nächsten Tag arbeiten müssten.
Trotz leichter Ernüchterung (ich hatte eigentlich geplant, die Nacht noch auf dem Gelände zu verbringen und am nächsten Tag entspannt gen Heimat zu tuckern) und der musikalischen Toleranzstrapazen lies ich die umstehenden Sitzgelegenheiten heil (Insider ;)) und genoss stattdessen den ausklingenden musikalischen Teil des Abends, der von uns durch eine begleitende Runde Flunkyball mit Trockeneis statt Tannenzapfen (von soner Bude abgezogen) zu einem polysensorischen Aktionskunstwerk veredelt wurde.
Im Anschluss ging es zurück Richtung Zeltplatz, wo wir uns erneut bei den zwei Kanadiern vom ersten Abend niederließen, die genauso breit waren wie zuvor, aber irgendwie noch um einiges abgefuckter und Stumpfsinniger wirkten (vielleicht lag es am Ausblick auf den bevorstehenden Montag, viel wahrscheinlicher jedoch daran dass wir diesmal so gut wie nüchtern waren). Naja nach einer etwas unerfreulichen Auseinandersetzung, die die leicht angeheiterte Freundin von Nico's besserer Hälfte und den offenbar leicht unterbefriedigten Sexualtrieb eines der beiden Vögel zum Inhalt hatte und nur durch die Androhung physischer Gewalt unsererseits ihr langersehntes Ende fand, ging es dann weiter zu unserem Zelt, wo ich meine Habseligkeiten für die Abfahrt klarmachte, während die anderen ihre persönliche Reise ins Land der Träume vorbereiteten.
Ich bin sicher ihr könnt euch nichts verlockenderes Vorstellen als nach einem anstrengenden Tag mitten in einer (für taiwanesische Verhältnisse) relativ kühlen Nacht ca. 4-5 Stunden lang mit dem Motorrad nach Hause zu fahren. Um ehrlich zu sein: So schlimm war es garnicht, unter anderem Dank des riesigen kreisrunden Vollmondes, der mich auf der Küstenstraße von Kenting nach Kaosiung unaufhörlich begleitet hat, und anderen einmaligen Erlebnissen auf dieser nächtlichen Fahrt durch Südtaiwan. Dazu gehörte unter anderem auch ein kleiner unfreiwilliger Abstecher in ein Gottverlassenes Industriegebiet von Kaoshiung und die Flucht vor einem Rudel streunender Hunde (wer mich kennt weiß, dass nie alles glatt läuft... :D) aber das ist eine andere Story... Soviel sei gesagt: Ich war am nächsten Tag pünktlich bei der Arbeit und hab sogar noch geschlafen!

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